VON DEN GRÜNDERN

Myanmars Jugend in Gefahr

Von Daniel Siegfried

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Seit der illegalen Machtergreifung in Myanmar durch das Militär am 1. Februar 2021, das die demokratisch gewählte Regierung absetzte, sind mehr als drei Jahre vergangen. Und es ist fast 2 Jahre her, dass wir unser bestens eingespieltes Büro in Yangon aufgrund von Sicherheitsbedenken schliessen mussten. Seither nennen unsere Kolleginnen und Kollegen aus Myanmar Mae Sot, Thailand, ihr vorübergehendes Zuhause. Während sich die Aufmerksamkeit der Medien weltweit auf die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen konzentriert, verschlechtert sich die Lage in Myanmar, ohne dass darüber berichtet würde, laufend weiter.

Bis zum 29. Februar 2024 wurden nach Angaben der «Assistance Association for Political Prisoners» (AAPP) 4’611 Zivilistinnen und Zivilisten getötet, darunter 570 Kinder. 1’662 Zivilistinnen und Zivilisten starben während ihrer Inhaftierung durch das myanmarische Militär. Darüber hinaus wurden nach Angaben der «Democratic Voice of Burma» (DVB) seit Beginn des Putsches landesweit insgesamt 76’932 Häuser niedergebrannt.

Myanmar wurde zu einem gescheiterten Staat, in dem sich unkontrolliert ein Bürgerkrieg ausbreitet. Im Oktober 2023 schlossen sich drei ethnische Widerstandsgruppen zusammen und übernahmen die Kontrolle über verschiedene Militärposten im nördlichen Shan-Staat. Im November mobilisierten auch andere bewaffnete ethnische Organisationen im Osten und Westen des Landes ihre Truppen. Myanmars Junta verlor über 300 militärische Aussenposten und grosse Gebiete, darunter auch grössere Städte. Zum ersten Mal seit das Militär 1962 in Myanmar die Kontrolle über das Land übernommen hat, sieht es so aus, als ob es besiegt werden könnte. Je mehr sich die Junta bedroht fühlt, desto wahlloser greift sie Zivilistinnen und Zivilisten an und tötet sie mit Luftangriffen oder schwerer Artillerie, was zu weiteren Vertreibungen und extremen humanitären Notsituationen führt.

Unser Team leistet tagtäglich fantastische Arbeit, um unsere Partnerschaften im Land aufrechtzuerhalten und gleichzeitig mehr Unterstützung für humanitäre Hilfe und den Zugang zu Bildung in Notsituationen bereitzustellen. Wir gehen davon aus, dass sich die Lage noch weiter verschlechtern wird, da die Junta ein Gesetz erlassen hat, mit dem Männer zwischen 18 und 35 Jahren und Frauen zwischen 18 und 27 Jahren zwangsweise zum staatlichen Militär eingezogen werden. Es gibt bereits Berichte, dass die Junta 400 Rohingya-Jugendliche aus Lagern für Binnenflüchtlinge zwangsrekrutiert hat. Zehntausende von jungen Menschen werden versuchen, einer solchen Zwangsrekrutierung zu entkommen und in ethnisch kontrollierten Gebieten oder in Nachbarländern wie Thailand oder Indien Zuflucht suchen. Dieses Gesetz gibt der Junta auch reichlich Gelegenheit zur Erpressung: Einige Familien wurden bereits aufgefordert, bis zu 3’000 USD zu zahlen, um ihre Kinder vor einer Zwangsrekrutierung zu schützen.

Wir gehen davon aus, dass sich die Lage noch weiter verschlechtern wird, da die Junta ein Gesetz erlassen hat, mit dem Männer zwischen 18 und 35 Jahren und Frauen zwischen 18 und 27 Jahren zwangsweise zum staatlichen Militär eingezogen werden.

Es besteht kein Zweifel, dass dieses Gesetz unsere Programme in Myanmar weiter beeinträchtigen wird. Fast alle Studierenden und viele Mitarbeitenden in diesen Programmen sind in der betroffenen Altersgruppe. Wir arbeiten proaktiv mit unseren Partnern in Myanmar zusammen, um die Sicherheit aller Jugendlichen und Mitarbeitenden zu gewährleisten. Einige Programme haben beschlossen, ihre Aktivitäten vorübergehend auszusetzen, da das Risiko einer Zwangsrekrutierung zu gross ist. Andere Programme wiederum haben bereits angedeutet, dass sie einen Umzug nach Thailand oder in Gebiete in Myanmar, die nicht unter der Kontrolle der Junta stehen, in Betracht ziehen.

Je schwieriger es ist, in Myanmar zu arbeiten, desto grösser ist der Bedarf für unsere Bildungsprogramme. Sowohl unsere Partner als auch unsere Mitarbeitenden sind fest entschlossen, alles Notwendige zu tun, um die Jugend Myanmars weiter auszubilden. Das Land wird sie brauchen, um sich nach der Militärherrschaft neu zu formieren. Und da die Durchsetzung dieses Wehrpflichtgesetzes nicht nur ein Zeichen der Verzweiflung zu sein scheint, sondern auch den Widerstand gegen die Junta weiter stärkt, könnte dies durchaus der Anfang vom Ende der Militärherrschaft in Myanmar sein. Bis es so weit ist, wird das Militär weiterhin wahllos Zivilistinnen und Zivilisten töten und ein ganzes Land als Geisel nehmen. Die Frage ist nur, wie lange noch?